Freiweillig freizügig

Freiweillig freizügig

Der werte Richard Gutjahr veröffentliche heut morgen unter dem Titel „Post Privacy, Please!“ einen Blogeintrag, in dem er die zunehmende Öffentlichkeit des Privaten beschrieb. Seit facebook-Gründer Zuckerberg „Privacy is over“ proklamierte und Gutjahr selbst notiert: „Die einen brauchen morgens eine halbe Stunde im Bad. Ich benötige die Zeit zum Ego-Googeln.“ (Letzteres kann mir nicht passieren. Diesem Herren sei Dank.) kann es in unserer Gesellschaft ja nur um eins gehen: (Online) sehen und gesehen werden.

Ersteres ist leicht. Zweiteres wird wohl – und da ist Gutjahr zuzustimmen – die entscheidende Frage. Wohin entwickelt sich das Internet, diese Netzöffentlichkeit? Leben wir in 10 Jahren alle transparent, gezwungenermaßen freizügig? Wollen wir das? Schon heute lässt sich in wenig Zeit unglaublich viel über Menschen herausfinden, wenn man Google bedienen und sich in in den richtigen Netzwerken bewegt. Ich habe Accounts bei Facebook, Xing, last.fm, Wikipedia, tumblr, Twitter, Grooveshark, früher war ich mal bei StudiVZ, jetzt schreibe ich diesen Blog. Packt man das zusammen, sieht man mich klarer als es mir lieb sein kann.

Es gibt Leute, die twittern, was sie zum Abend essen. Die twittern, welche Songs sie unter der Dusche hören. Oder wo sie sich gerade aufhalten. Und das allem unter dem Aspekt der Vorteile des Social Web. Super, wenn man sieht, dass gerade der beste Freund auch in Frankfurt Airport bei Starbucks Latte Macchiato schlürft. Toll, wenn man den gleichen Musikgeschmack wie sein Chef hat (macht das Weihnachtsgeschenk leichter). Gut, solang es positiv bleibt und man auf die Gutmütigkeit seiner Menschen hofft.

Aber was passiert, wenn Person XY, Zeit seines Lebens fröhlich getwittert, geflickrt, getumblert, gefoursqared hat – und dann, aus welchen Gründen auch immer, ein anderer (sei es Privatperson oder Zeitung, Boulevardblatt oder TV-Station) damit beginnt, diese Informationen böswillig zu verwenden? War es bis vor 10 Jahren noch maßgeblich den Medien, Geheimdiensten und allenfalls  dem Telefonbuch vorenthalten, Informationen über Menschen zu aggregieren und bereitzustellen, kann das heute jeder von zu Hause. Und so wird aus der Transparenz, vor der man sich schon gefürchtet hat, als nur Google „alles über dich wusste“, eine Gefahr von Jedermann für Jedermann.

Und so springe ich umher, im Löwenkäfig, der sich Internet nennt und schreibe und schreibe. Und werde mit jedem Wort ein wenig „nackter“.