ZDFs „aspekte“: Todeszone Ostdeutschland

ZDFs „aspekte“: Todeszone Ostdeutschland

Gäbe es bei facebook-Seiten eine „Dislike“-Funktion, wäre wohl jetzt Zeit, sie mal zu nutzen und so seiner Meinung Ausdruck zu verleihen: Das ZDF-Kulturmagazin „aspekte“ glänzt zur Zeit mit einem Paradebeispiel für misslungenen Journalismus, gefolgt von – nennen wir es – unglücklicher Reaktion.

Doch starten wir bei Null. Die für die Morde an Menschen mit Migrationshintergrund und eine deutsche Polizisten im Laufe der letzten 10 Jahre wurde von einer Nazi-Gruppierung geplant, durchgeführt und geschickt vertuscht – gut genug zumindest für den deutschen Inlands-Geheimdienst, den Verfassungsschutz. Das an sich ist schon schlimm genug, führt nun aber die Medien dazu, sich mit den Hintergründen zu beschäftigen. Man muss ja wissen, woher sie kommen, diese Nazis. Warum sie sich so sorglos und unbeobachtet haben bewegen können.

Vorneweg marschierte das ZDF-Format „aspekte“ – eigentlich ein Kulturmagazin: Am 18. November veröffentlichte man in der Sendung einen Beitrag mit dem Münchner Autor Steven Uhly, der die Stadt Jena besucht. Von hier stammten die drei Täter.  „Uhly lebt in München und kommt nur selten in den Osten Deutschlands“. Uhly besticht durch sein historisch gesichertes Wissen: „Ich bin immer davon ausgegangen, dass es eine systemische Energie gibt, die immer noch vorhanden ist. Die eben seit dem Holocaust existiert.“ Nun gut, das ist streitbar. Der Beitrag schließt mit der Frage, ob sich sein Bild vom Osten gewandelt hätte: „Nee.“ (lachend) „War jetzt aber auch nicht so schlimm.“ Das Problem: Jena ist alles andere als eine Faschisten-Hochburg: Deutschlands höchster Akademikeranteil. Ein Viertel der Bewohner sind Studenten, ein Teil davon aus aller Herren Länder. Natürlich gibt es auch in Jena Nazis. Aber die gibt es in Dortmund, wie in Hamburg und auch im schönen, sicheren München.

Den Beitrag kann man in der ZDF Mediathek nachwievor ansehen – und verbreitet sich schnell im Internet, vor allem unter Jenaern und Jenensern, die ihre Stadt im falschen Licht dargestellt und vollkommen einseitig portraitiert sehen. Ein Facebook-Nutzer namens Tommi Uhlmann wendet sich mit einem offenen Brief an das ZDF. Der wird 4.486x geteilt – nicht schlecht für die Notiz einer Privatperson, die Ostthüringische Zeitung greift das auf, die Sache nimmt ihren Lauf. MDR1 Radio Thüringen berichtet, ebenso wie verschiedene Jenaer Institutionen. Blogs berichten. Wie schön, dass „aspekte“ ein Facebook-Profil hat. Man will ja in den Kontakt mit den Zuschauern treten.

Hier geht jetzt natürlich die Post ab. Bereits kurz nach Veröffentlichung des Beitrags regt sich der Unmut. Zunächst tritt Redaktionsmitglied Anna Riek auf den Plan, entschuldigt sich ein bisschen und argumentiert dann, warum Berichte über ostdeutsche Nazi-Städte legitim sind: „Von den 156 Menschen, die seit 1990 bei rechtsextremistischen Übergriffen zu Tode kamen, ist die Hälfte im Osten ermordet worden. … (Dann) stellt man fest, dass die Zahl der Übergriffe in den neuen Bundesländern signifikant, nämlich fünfmal höher liegt.“ (Ohne Worte.) Welch Vorlage für einen sogenannten Shitstorm in Perfektion. Die Facebook-Maschinerie wirft den Motor an.

Dann reagierte die aspekte-Redaktion gestern erneut und veröffentlichte einen Spot des Chefredakteurs, der nun alle eingehenden Meldungen erstmal sichten muss und dann Stellung bezieht: Man wisse sehr wohl, wie Tolerant Jena sei. Aber: „Es ging uns nicht um Jena.“ Man plane eine Veranstaltung, einen runden Tisch, an dem dann über alles mal geredet wird. Das ist nett. Dann aber greift der gute Mann nochmal Tief in die Idioten-Trickkiste und bewirbt am Ende, vollkommen sinnfrei, das Buch eben jenes Steven Uhlys – der Mann, der Angst in Ostdeutschland verspürt.

Auf Facebook geht es jetzt hoch her. Ein Auszug: „Mit dem Beitrag inszenieren Sie eine derart falsches Bild der Realität, dass mit der Atem stockt.“ „Wie soll Deutschland je wieder zusammenwachsen, wenn Sie solche Beiträge veröffentlichen?“ „ach der beitrag war vom zdf? ich dachte ich hätte explosiv das magazin mit barbara elichmann eingeschaltet.“ … und so weiter.

Den Imageschaden hat das ZDF schon mal. Jetzt geht es um Schadensbegrenzung und es bleibt spannend, wie das Zweite Deutsche Fernsehen mit dieser Aufgabe umgeht.