Über Richard Gutjahrs Blogging-Erkenntnisse

Über Richard Gutjahrs Blogging-Erkenntnisse

Richard Gutjahr ist, das darf man so wohl sagen, einer der bekanntesten und erfolgreichsten Deutschen Blogger – wenn man Erfolg in Traffic misst. Das tut Gutjahr wohl, und deswegen kann er selbstbewusst und fröhlich auf Events wie den Passauer Medientagen (Video) darüber referieren, wie man durch Bloggen „reich, berühmt und glücklich wird“. Das ist zunächst natürlich ersteinmal ein ironischer Titel, bei Gutjahr weiß man nur nie, ob er’s am Ende nicht doch ernst meint, so glücklich, wie er aus seinen Blogger-Erfahrungen auf der 5th Avenue (Gutjahr war der erste Mensch der Welt, der ein iPad kaufte!) berichtet und dabei so oft zwischen „Sie“ und „Du“ hin- und herhüpft, dass ihm der Spagat zwischen seriösem Journalisten und privaten Blogger manchmal anzumerken ist.

Gutjahr weiß, was Bloggen ist: Einfach, unkomplizierter als sein Büro-Alltag im Bayrischen Rundfunk, wo sonst nur trockene und Gutjahrs-Blog-desinteressierte Kollegen zu finden sind. Und natürlich ziemlich billig. Laut Gutjahr braucht man nur einen Server für ein paar Euro im Monat, die Software ist ohnehin kostenlos.Was er vergisst sind die Opportunitätskosten, also das Geld, was man verdienen könnte, wenn man nicht mehrere Stunden pro Woche für einen eigenen Blog investieren würde. Opportunitätskosten sind natürlich subjektiv und nicht real vorhanden, aber dennoch nicht zu verachten. Das unterschlägt Gutjahr und vergisst damit einen Grund, warum es vielen Deutschen allein schon zeitlich nur schwer möglich ist, wie er die Hälfte des Tages in (s)einem Blog zu verbringen.

Gutjahr weiß auch, dass er ein ziemlich guter Blogger ist. So gibt er sich auch – soll er ja auch: Er berichtet, wie er es geschafft hat, zu einem der „Großen“ in Deutschland zu werden. In seiner Liga spielen nicht viele. Er kritisiert gern die altbackenen herrschenden (Leit-)Medien: die ARD, seinen BR, die Zeitungen, BILD-Chef Kai Diekmann und noch einige andere. Das neue Medium unserer Zeit sei der Blog, so Gutjahr. Mit ihm kann er unabhängig und frei schreiben, wonach ihm ist. Was TV und Zeitungen heute nicht schaffen, schafft Gutjahr mit seinem Blog. Er emanzipiert sich auch finanziell von seinem bisherigen Arbeitgeber (großartig auf Flipcharts präsentiert. Man soll ja auch loben.), verdient sein Geld jetzt zu fast 50% über seinen Blog. Dass ihm die Münchner Abendzeitung eine Tech-Kolumne sponsort, nachdem sie nach seiner iPad-Aktion auf ihn aufmerksam wurden, und er damit doch wieder in den „alten“ Medien zu finden ist, schließt den Kreis natürlich und lässt diese Argumentation zumindest Schwächen durchscheinen lassen. Dass allerdinge bemerkt der Münchner noch selbst.

Gutjahr gibt nette Tipps. Man solle auf’s Timing achten. Und kein Nein akzeptieren. Und zu seiner Sache stehen. „Learn your shit!“  Oder, und da kommt Gutjahr Steve Jobs ganz nahe: „Machen Sie Fehler!“Ob man damit allein ein ganz großer, reicher oder nennen wir es mal finanziell unabhängiger Blogger/Journalist wird, bleibt natürlich fraglich. In Deutschland gibt es am Ende eine Hand voll Menschen, die vom Bloggen (allein) leben können.

Steffen Peschel machte mich heute nochmal auf den seiner Meinung nach wichtigen Kerninhalt von Gutjahrs Vortrag aufmerksam: Transparenz sei die neue Objektivität. Das gilt in erster Linie für Blogs, deren journalistischer Recherche-Hintergrund häufig vom Desktop aus geschieht und man beweisen muss, wie man zu bestimmten Schlüssen oder Ergebnissen kommt. Und hier stimme ich zu. Und gehe einen Schritt weiter: Das ist nicht nur im Blogger-Journalismus so. Sagt Gutjahr ja auch, als er Obamas Webstrategie und -erfolg erklärt: „Wir hatten ein gutes Produkt.“ Und da sind wir schon im Marketing, im Hier und Jetzt und bei einem Thema, über das ich in den nächsten Wochen mehr schreiben will: Im Mittelalter verkaufte der Bäcker A auf dem Markt gute Brötchen und Bäcker B schlechte Brötchen. So mit Uarks drin. Morgens gingen alle auf den Markt, man kaufte ein, und im Laufe des Tages sprachen die Kunden von Bäcker A mit den Kunden von Bäcker B. Man verglich Produkte (ciao.de) und Preise (idealo.de), erkannte, wer das bessere Brötchen verkaufte und am Abend war Bäcker A ein reicher Mann und Bäcker B nicht. Social Media ist nicht anderes als ein Mittelalter-Markt. Die Transparenz bezüglich des Produktes ist das, was sich heute verkauft. Und nicht die Botschaft drumherum.