Der Spiegel: Das Glossar des Grauens

Der Spiegel: Das Glossar des Grauens

Artikel im Spiegel, Ausgabe 2/2012. (c) SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

„Der Spiegel“ hat in seiner zweiten Ausgabe des Jahres 2012 einen bemerkenswerten Artikel veröffentlicht. Genauer genommen: Ein Glossar, das die Finanzwelt in seiner ganzen Breite schonungslos und bisweilen mit einem Augenzwinkern klar und einfach erklärt. Lesenswert ist er in jedem Fall, aber ich möchte an dieser Stelle auf einige Auszüge im Detail eingehen, weil sie die (Finanz-)Welt, in der wir leben so schonungslos als das darstellen, was sie inzwischen geworden ist: Ein Auswuchs von Unvernunft.

CDS (Credit Default Swaps). „Eigentlich …  als eine Art Versicherungspolice für Kreditgeber gedacht. Spekulanten kauften jedoch unter anderem CDS für Staaten, an deren Bonität sie zweifelten, obwohl sie Anleihen des Staates gar nicht besaßen. Sie kauften also gewissermaßen eine Brandschutzversicherung für ein Haus, das ihnen nicht gehört. Wer so etwas kauft, kriegt irgendwann Lust aufs Zündeln.“

Ein schöner Vergleich. Und ein schönes Beispiel dafür, wie eine eigentlich menschlich einwandfreie Sache (Versicherungen sind den risikoaversen Deutschen immer willkommen) mit leichter Zweckentfremdung zu einer „Massenvernichtungswaffe“ werden kann. So hat Warren Buffett, eine steinreiche 81-jährige Institution unter Investmentbankern CDS genannt.

Kürzlich lernte ich mit einer Freundin für das Fach VWL, 1.Semester, Grundlagen: Angebot, Nachfrage, irgendwo in der Mitte trifft man sich und alle werden maximal glücklich („Durch Handel geht es Menschen besser“). Wie diese grundlegenden Ansätze in der Finanzwelt ab adsurdum geführt werden, beschreibt der Spiegel unter dem Stichwort

Märkte. „Vom Ökonomen Adam Smith im 18. Jahrhundert mit der berühmten „unsichtbaren Hand“ erklärt, inzwischen allgemein mit Würgegriff assoziiert. Was auf Ebay und Gemüsemärkten noch preisbildend funktioniert, das Spiel von Nachfrage und Angebot, hat auf den Finanzmärkten nichts mehr mit Vernunft zu tun. Obwohl es in den Lehrbüchern ganz anders steht, sind gerade Finanzmärkte in weiten Teilen intransparent, unzugänglich und irrational.“

Der Spiegel nennt Zahlen, die ich ob der Schwere ihrer Aussage hier mal illustriert habe:

Finanzmärkte: 1802 Billionen Dollar. Realmarkt: 70 Billionen Dollar.

Dazu muss man ja keine Wort mehr verlieren. Ich nahm immer an, Finanzmärkte seien einst entstanden, um Realmärkte zu unterstützen. Wollte sich Bauer Horst einen Traktor kaufen, um mehr zu produzieren, musste er sich dafür erst Geld leihen – der Kreditmarkt entstand. Heute stehen wir aber an dem Punkt, an dem der Umsatz auf Finanzmärkten 25x so groß ist wie der mit Produkten, die Bauern, Arbeiter, Firmen und Unternehmen der Welt real produzieren. Und damit das Ziel aus den Augen verloren hat: Nämlich der realen Wirtschaft zu helfen, genau das zu tun: Produkte und Lebensmittel herzustellen, die wir für unser tägliches Leben brauchen.

Zukunft. „Wie es 2012 weitergeht, darüber gibt es drei Auffassungen. Prognose 1: Alles wird viel schlimmer. Prognose 2: Alles wird schlimmer, bevor es besser wird. Prognose 3: Alles bleibt so schlimm, wie es ist.“

Viel Spaß beim Wählen.