Über den Joshua-Bell-Viral

Über den Joshua-Bell-Viral

… auch bekannt als „Washington Post Experiment„. Seit einigen Tagen geistert in eurem Facebook Newsfeed womöglich eine Story herum, die mit den Worten „This is so awesome!  Please take a moment to read!“ beginnt und in einigen, wenigen Worten die Geschichte des jungen Star-Geigers Joshua Bell erzählt: Er hatte vor einer U-Bahn-Station in Washington D.C. eine Dreiviertelstunde das getan, was er am besten kann: Geige (Wert: 3,5 Mio. US-Dollar) spielen. Inkognito. Keiner hat’s gemerkt, was natürlich die Pointe des Experiments ist: „Von 1.097 Personen, die an ihm vorbei gingen, sind nur 7 stehengeblieben, um ihm zuzuhören, und nur eine hat ihn erkannt.“ Vorher und nachher füllte er wieder Konzertsäle für Hunderte Dollar je Sitzplatz. Soweit, so einfach.

In den letzten Tagen ging die Story in Form eines Bildes nebst Story auf Facebook um den Globus (ein Studium dieser sei für das weitere Verständnis des Folgenden empfohlen). Und das meine ich wortwörtlich – obwohl in Englisch geschrieben (wir sind ja alles Anglizisten), mit einem vollkommen unansehnlichen Bild einer Überwachungskamera. Ob nun, wie hier verlinkt von dem nicht weiter erwähnenstenwerten Josh Nonnenmocher aus Philadelphia, initial verfasst, oder von jemandem anderen: Sein Beitrag bringt es auf die stolze Zahl von 125.000 Shares. Kopien, Änderungen usw. dieses Beitrags mal nicht mit gezählt. Ein echter, globaler Viral: Eine witzige, reale Story. Mahnend, mit erhobenen Zeigefinger und – sonst wäre es kein Viral – mit einer überraschenden Pointe am Ende (dass Bell den Geigenbogen schwingt, erfährt der Leser natürlich erst am Ende). Und das alles innerhalb von wenigen Tagen im Februar 2012 – schön visualisiert an den Google-Anfragen zu „Joshua Bell“:

Die eigentliche Pointe aber ist eine andere: Das Experiment ist fünf Jahre alt. Es gibt keinen logischen Grund, keinen rationalen Auslöser, der es jetzt wieder hätte aktuell werden lassen. Seit fünf Jahren kann man diese Geschichte auf Wikipedia und bei der Washington Post nachlesen. Der Autor, Gene Weingarten, hat sogar einen Pulitzer-Preis dafür bekommen. Und doch hat es fünf Jahre lang niemanden groß interessiert. Oder, wie Weingarten selbst schreibt: „I get an email or two a day about it – until this recent hemorrhage“. Doch seit Mitte Februar hat sich alles geändert:

„In the last three weeks or so, the general facts of my 2007 feature story on Joshua Bell in the subway have gone internationally viral.  The mechanics of how this has happened, or why it has just happened,  are not entirely clear, though Facebook appears to have been the main instrument. The whole thing proves something of a cautionary tale about the powers of the Internet, but also of its sometimes lamentable limitations.

Und hier sind wir am kritischen Punkt: Was die Leute auf Facebook lesen, ist eine auf 4oo Wörter eingestampfte, ungenaue, untaugliche Version des ursprünglichen 9.000-Wörter-Artikels aus der Washington Post. Für Weingarten eine missliche Geschichte: Zum einen wird er nur in einigen, und nicht allen Versionen der Story als Autor und „Erfinder“ des Experiments erwähnt und „seine“ Idee hat nun globalen Erfolg, ohne, dass er davon etwas hätte – außer tausenden Glückwunsch-Mails aus aller Herren Länder. Sogar aus Guam, wie er schreibt. Man wünsche ihm, die Geschichte möge unbedingt mit einem Preis ausgezichnet werden. (Anmerkung dazu: Der ihm verliehene Pulitzerpreis ist – zumindest in den USA – der bedeutendste Preis für Journalisten.) Zum anderen gingen nicht mal die Buchverkäufe des Titels, den er zum beschrieben Sachverhalt schrieb, nach oben.

In seiner Reaktion auf den Viral in seiner Kolumne deckt Weingarten dann auch schonunglos auf, welche Fehler (Bsp.: Bell stand außerhalb der Metrostation und nicht darin) und Übertreibungen (statt „Tausenden Passanten“ waren es nur etwas mehr als 1.000, die Bell hätten erkennen können an diesem Tag) sich in der Facebook-Story, die er nur „summary“ nennt, verborgen haben und fasst zusammen: „Of the 400 words in this “summary,” about 190 are in the direct service of an error in fact.“

Sogar die Aussage des Experiments wird in der Facebook-Story verfälscht:

„The story was ultimately about priorities and the pace of our lives, not about aesthetics and sophistication.

Und hier sind wir wieder bei den Phänomenen des Internets, die Weingarten ja bereits ansprach: Es wird geteilt, ge-retweetet, es wird kopiert und geliked, was das Zeug hält. Aber die wenigsten überprüfen die Informationen, die sie lesen – obwohl es so leicht ist, Google und Wikipedia sind nur zwei Mausklicks entfernt. Aber es ist schwierig, ein kritischer Geist zu sein, etwas zu hinterfragen, sich zu bemühen, mehr zu wissen. Und so ging eine verfälschte, unautorisierte Geschichte um die Erde.

Was das bedeutet? Könnte die Geschichte nicht auch vollkommen falsch sein? Sie wirkt authentisch, plausibel, ein realistisches Bild ist ja auch dabei. Da klickt man gern auf „Like“ – und verbreitet so weiter. Ich sehe das mit einem beängstigenden Gefühl im Hinterkopf: So lange genug Menschen einer Geschichte Glauben schenken, kann sie so viral um den Globus gehen, wie diese – keiner kann sie aufhalten. Ähnliche Fälle hat es zur Genüge schon gegeben, auch die meisten Kritikpunkte gegen den Bundespräsidenten in spe Joachim Gauck stellten sich als haltlos dar, wirkten auf Twitter aber noch total plausibel.

Wenn aber nicht mehr die Wahrheit verbreitet wird, sondern das, was in Sekunden bei der Masse als „echt“, „interessant“ und „teil-wert“ angesehen wird, dann steht die Wahrheit vor einem großen Kampf, den sie nicht gewinnen kann.