ElbMUN 2012: (M)Ein Review

ElbMUN 2012: (M)Ein Review

Der Plenarsaal des Sächsischen LandtagsVom 17. bis 20. April fand im Sächsischen Landtag in Dresden die dritte Model United Nations (MUN) statt. Diese MUNs sind Planspiele, die Schüler und Studenten an die Weltpolitik der Vereinten Nationen heranführen sollen: Jeder Teilnehmer wird einem Land zugeteilt, dessen Interessen er in einem bestimmten Komitee (u.a. dem Sicherheitsrat) zu vertreten hat. Da man im besten Fall nie seine Heimat repräsentiert, ist man gezwungen, sich in andere Weltanschauungen hineinzudenken und ebenso zu handeln: Als Amerikaner findet man plötzlich Kriege im Nahen Osten irgendwie akzeptabel, Finnen mögen Atomkraft genauso wie die Franzosen und Iran mag irgendwie niemand. Außer der Schweiz, die generell alle mag und von jedem gemocht wird (außer von den deutschen Steuernfahndern).

"Grüezi miteinandr!" (Kam schon mal gut an, wie man den fröhlichen Delegiertengesichtern entnehmen kann)

Zum Glück war ich die Schweiz. Im sogenannten Economy and Social Committee (ECOSOC) durfte ich die ehrenwerte Position der Eidgenossen vertreten: In Zukunft bitte mehr grüne Energie (die Schweizer schalten bis 2050 auch irgendwann mal ihre Atomkraftwerke ab und haben heute schon 56% Wasser-Energie im Mix), Nahrungsmittelspekulationen sind nicht schön, aber deswegen bitte nicht gleich den Weltmarkt einschränken und Schweizer Banken die Profitgrundlage entziehen.

Leider waren durch Visa-Probleme einige Gäste verhindert, so dass (nicht nur) im ECOSOC gewichtige Plätze wie der der USA, Deutschlands, Russlands, Chinas, Großbritanniens oder Brasilien leer blieben. Die Speerspitzen der industriellen Entwicklung und größten Akteure der Weltpolitik fehlten – das machte es für mich gleich schwieriger, die Schweiz da zu positionieren, wo ich sie gern gehabt hätte: Formschön im Hintergrund, zurückhaltend und immer auf den eigenen Vorteil aus. Plötzlich musste ich als Nation des entwickelten Westens erklären, warum Nahrungsmittelspekulationen eine (schlimme) Folge des Kapitalismus sind – aufgefordert von Staaten wie Ruanda, Bahamas und Nicaragua, die sonst auf der Bühne der Weltpolitik ja eher weniger zu melden haben.

Und das ist als Anfänger ganz schön schwer, denn es wird nicht einfach nur verhandelt, es wird sich an Regeln gehalten: Zum Sprechen steht man auf, es gibt Rednerlisten, Wahlprozeduren, die Toilette verlässt man nur auf Zusage des Vorsitzenden, den man wiederum immer mit „Honorable Chair“ anzusprechen hat, genauso, wie alle anderen „honorable delegates“ sind. Oder „distinguished“ oder sonstwas. Man muss zum Anfang mehr auf die Formalitäten als auf die Inhalte achten.

Die Schweiz dankt allen Wählern (außer Saudi-Arabien)

So merkt man schnell, wer schon mal ein, zwei Konferenzen hinter sich gebracht hat: Die Reden (natürlich alles auf Englisch) sind geschliffener, der Ausdruck besser, die Regeln bekannter. Fettnäpfchen stehen an jeder Stelle und als Schweizer ist es eigentlich höchste Regel, immer seriös und gut erzogen alle zum umkurven. Das ist mir fast immer gelungen. Am Ende steht der Weltfrieden ein wenig besser da, die Schweiz ist froh und hat auch noch den Preis für „Dressed for Success“ des Komitees gewonnen. Zumindest sah ich gut aus, auch wenn ich inhaltlich nicht immer auf der Höhe war.

Das ganze ist natürlich spannend, lehrreich und erweitert den politischen Horizont. Man lernt zu verstehen, warum die Weltpolitik so fürchterlich un-entscheidungsfreudig ist: Kompromisse zwischen allen Teilnehmern müssen ausgefochten werden und am Ende steht ein an allen Kanten abgeschliffenes Ergebnis. Und es macht doch Spaß, zu diskutieren, Lobbys aufzubauen, Zusagen einzusammeln oder mit dem notwendigen Charme Mehrheiten zu sichern (letzteres war immer mein Ansatz).

Und außerdem gibt es ja noch ein tolles Rahmenprogramm: Abendveranstaltungen wie Grillen, Band-Abende, Stadtführungen und ein großer Abschluss-Ball gehören dazu – da lernt man natürlich schnell die anderen Nationen kennen (und muss aufpassen, die neuen Bekannten nicht ständig mit ihrem Land anzureden): Gäste aus Afrika und Tschechien prägten das Bild, und natürlich waren auch viele Studenten aus Dresden anwesend, vornehmlich die der Internationalen Beziehungen (also Weltpolitik-Profis). Aber auch Psychologen und Wirtschaftler gaben sich die Ehre, so dass ich als BWLer nicht alleine war.

Alles in allem eine interessante, neue Erfahrung: Herausforderungen wie eine Rede vor 150 Anwesenden auf Englisch sind nicht ohne. Man lernt tolle neue Leute aus verschieden Ecken Deutschlands und der Welt kennen, darf die ganze Zeit Anzug tragen und den Weltfrieden sichern. Was gibt es Schöneres?

(Ein Gruß noch an die Delegation aus Saudi-Arabien: Aus nicht erklärbaren Gründen wurden alle Lieferungen von Schweizer Unternehmen an die Saudis am Sonntagnachmittag gestoppt. Das Embargo ist unbefristet. Das eidgenössische Außenministerium wollte sich dazu weiter nicht äußern.) ;)