Die Piraten, Teil 1: Das Urheberrecht

Die Piraten, Teil 1: Das Urheberrecht

Lesen unsere (kleinen asiatischen) Kinder noch solcheBücher? Und bezahlen sie dafür? 

Man kann von rhetorisch innovativen (Christopher Lauer und seine Fresse Kresse, im Berliner Abgeordnetenhaus), rumlungernden (Johannes Ponader bei „Günther Jauch“) oder unwissenden (Andreas Baum zur Frage, wie viel Schulden Berlin wohl habe) Piraten halten, was man will. Es geht ja nicht um Köpfe, sondern eigentlich sollte es ja um Inhalte gehen. Funktioniert zwar bei der FDP auch nicht – aber da viele der Menschen in meinem Umfeld und ich auch bis jetzt noch gar nicht so recht wussten, was es mit diesen Piraten nun auf sich hat: Ein Portrait. Mit Inhalten. Und möglichst wenig Personen.

Da das Parteiprogramm der Piraten kein Zweizeiler ist, sondern ein stattlicher Text, beginnen wir mit dem derzeit spannendsten Thema, dem Urheberrecht. Wie eben jener Christopher Lauer in der FAZ klar macht, das wichtigste aller Piraten-Themen:

Den Piraten das Urheberrecht als Thema zu nehmen, „dass [sic!] wäre so als würde man Christen sagen „Hängt doch diese Kreuze aus euren Kirchen“.

Weg mit dem Kopierschutz!

Systeme, welche auf einer technischen Ebene die Vervielfältigung von Werken be- oder verhindern („Kopierschutz“, „DRM“, usw.), verknappen künstlich deren Verfügbarkeit, um aus einem freien Gut ein wirtschaftliches zu machen. Die Schaffung von künstlichem Mangel aus rein wirtschaftlichen Interessen erscheint uns unmoralisch, daher lehnen wir diese Verfahren ab. (…) Daher fordern wir, das nichtkommerzielle Kopieren, Zugänglichmachen, Speichern und Nutzen von Werken nicht nur zu legalisieren, sondern explizit zu fördern. (…)

Dazu ein kleines Kapitel Volkswirtschaftslehre: Ein freies Gut ist das Gegenteil eines knappen Gutes. Es gibt in der Natur nur wenige freie Güter, selbst Luft und Wasser sind nicht unendlich in gleichbleibender Qualität verfügbar. Die Piraten möchten aus eBooks, Alben, Software, Filmen allgemein zugängliche, freie Güter machen.

Frank Schirrmacher, aufmerksamer Beobachter und Herausgeber der FAZ, zu der Frage, was Künstler antreibt:

Der Künstler arbeitet für Geld. Die anderes behaupteten, waren leider in erster Linie die Künstler selbst. Es ist aber nicht wahr und im Übrigen auch nicht schlimm. Er arbeitet des weiteren, wie der hier unverzichtbare Peter Hacks notiert, „weil er das Ergebnis seiner Arbeit von der Welt gebraucht glaubt“.

Das Urheberrecht wurde erfunden, um Urhebern die Chance zu geben, Geld mit ihrem Tun zu verdienen. Das gleiche Vorgehen unterstützt der Staat mit der Vergabe von Patenten: Nur durch den Schutz durch den Staat in Form von Patenten sind Pharmakonzerne wie Bayer dazu motiviert, innovative Produkte zu entwickeln – denn sie sind für eine Schutzfrist von einigen Jahren die Einzigen, die mit ihrer Innovation Geld verdienen dürfen.

Würde man in der Pharmabranche das Schutzrecht auf Innovationen so abschaffen, wie die Piraten es (nicht nur) für die Medienbranche fordern, würden Hersteller wie Bayer oder GlaxoSmithKline überhaupt keine Medikamente mehr entwickeln: Sobald jemand mit einem Medikement auf den Markt träte, würden die Konkurrenten innerhalb von Wochen die notwendigerweise transparent gemachte Zusammensetzung kopieren und billiger am Markt anbieten. Pharmakonzerne sind nicht besonders sympathische Unternehmen. Aber sie entwickeln auch Medikamente, die Leben verlängern oder erst ermöglichen.

Durch die „künstliche Verknappung“ schafft der Staat einen Anreiz, Zeit und Mühe in die Erstellung eines solchen Gutes zu investieren. Sie erhöht den Preis – sie macht es „wirtschaftlich“, künstlerisch oder erfinderisch aktiv zu werden. Würde man mit Musik, Literatur oder Softwareprogrammierung kein Geld verdienen, würde dies den Status Quo vollkommen umkrempeln. Was in der Software-Branche bei Mozilla (Firefox) oder Wikipedia, die durch Massen kleiner, freier Entwickler programmiert und gepflegt werden, funktioniert, wird in der vom Individualismus geprägten Musikbranche schwer möglich sein. Individual? Nein, sagen die Piraten. Etwas schaffen bedeutet im Piraten-Verständnis: Sich am Schatz öffentlicher Schöpfungen zu bedienen:

Im Allgemeinen wird für die Schaffung eines Werkes in erheblichem Maße auf den öffentlichen Schatz an Schöpfungen zurückgegriffen.

Das ist weder eine argumentative, noch eine Richtig-oder-Falsch-Frage. Hier geht es um Ideologie. Und meine Meinung ist, dass die Piraten hier falsch liegen. Jedes Buch, jeder Text, jedes Musikstück ist ein neues, unabhängiges Stück Kunst – solang es keine Kopie oder Replik ist. Und selbst dann, in Form von Cover-Songs, ist es immer noch etwas Neues. Dieser Absatz ist meiner Meinung nach der schwammigste, am wenigsten belegbare und daher angreifbarste Punkt im Parteiprogramm der Piraten.

Erste Ansätze in der Realität

Doch halten wir uns nicht mit Ideologien auf, es gibt auch praktische Ansätze, wie das Urheberrecht in Zukunft zu nutzen ist:

(Es) existiert eine Vielzahl von innovativen Geschäftskonzepten, welche die freie Verfügbarkeit bewusst zu ihrem Vorteil nutzen und Urheber unabhängiger von bestehenden Marktstrukturen machen können.

Das ist richtig. Kostenfreie Streaming-Angebote wie Spotify legalisieren bereits heute uneingeschränkten Musikkonsum, ohne Musik tatsächlich zu besitzen: Sie wird lediglich gestreamt, also temporär bereitsgestellt. Finanziert wird das ganze über Werbe-Einblendung. Die Interpreten erhalten dabei lediglich einen Bruchteil der Einnahmen, die sie aus einem MP3-Verkauf oder gar einer klassischen CD erhalten würden.

Der Status quo ist, dass eine erhebliche Dunkelziffer nach wie vor fröhlich und meist unbehelligt das Urheberrecht auf ihre Weise umgeht: Durch illegales Filesharing. Die landläufige Meinung ist wohl, die Piraten würden Anbieter wie Rapidshare oder MegaUpload nicht verurteilen. Dazu wieder Christopher Lauer in der FAZ:

Der größte Knackpunkt ist und bleibt die Legalisierung von Filesharing. Hier die Angst der Urheber: Kann ja sein, dass ihr das Urheberrecht nicht mehr abschaffen wollt, aber de facto tut ihr es ja doch, wenn man alles kostenlos über Tauschbörsen teilen kann. Hier besteht meiner Meinung nach der größte Vermittlungsbedarf. Wie mit Internetangeboten wie Megaupload und kino.to umgegangen werden soll, ist auch bei Piraten klar: abschalten!

Zu den Nebenwirkungen fragen Sie bitte – ja wen denn?

Wir sehen es als unsere Verantwortung, die Schaffung von Werken, insbesondere im Hinblick auf kulturelle Vielfalt, zu fördern. … Mögliche, aber nicht zu erwartende negative Nebenwirkungen müssen bei deren Auftreten nach Möglichkeit abgemindert werden.

Nachdem also jede Privatperson (also jeder Kunde) jede Musik, jedes eBook, jeden Film kostenlos und allgegenwärtig konsumieren kann, wird es der Piratenpartei zufolge keine negativen Nebenwirkungen geben. Nun, Intermediäre wie Radiosender oder Fernsehsender müssten nachwievor für Musik zahlen – fraglich, wer noch Radio hört, wenn man seine Lieblingsmusik ständig zu Hause hat. Fraglich, wer noch Fernsehen schaut, wenn die Lieblingssendung ohnehin streambar kostenlos ohne Intermediär auf dem heimischen Fernseher läuft. Abmindern will die Piratenpartei die negativen Effekte – wie das finanziert werden soll, frage ich mich.

Kein Grund, das Urheberrecht über Bord zu werfen

Es ist keine Frage, dass das Modell der GEMA nicht mehr zeitgemäß ist. Ich rechne es der Piratenpartei auch positiv an, dass sie diese Debatte ins Scheinwerferlicht der Politik gerückt haben. Und natürlich äußern sich zahlreiche Künstler negativ über die derzeitigen Zustände. Doch das ist alles kein Grund, das Urheheberrecht über Bord zu werfen.

Auf dem Papier klingt das bei den Piraten noch alles ganz einfach. Denn es ins Parteiprogramm zu schreiben, geht recht einfach. Es zu fordern, ist noch einfacher. Würde man in Deutschland nach freiem Benzin für alle rufen, würden auch Millionen zustimmen. Oder: Kostenlosen Klamotten? Free Food statt Fast Food für alle?

Warum sind denn immaterielle, im Kopf geschaffene Güter finanziell betrachtet weniger wert als materielle, reale? Man mag einwenden können, dass sich ein Wert nicht nur daraus zusammensetzt, was man für ein Gut auszugeben gedenkt. Wenn Millionen deine Musik hören, deine Zeilen lesen – hat man dann nicht auch einen Wert geschaffen?

Was fehlt: Eine Antwort, wie es aussehen soll

Was die Piraten fordern ist nett. Aber ich sehe keine Antwort auf die Frage, wie diese Zukunft, die sie sich ausmalen, aussehen soll. Eine Vision, über das, was nach dem Wegfall des Urheberrechts kommt. Wenn jeder von jedem ohne nehmen darf, wie er will, weil ja alles allen gehört, enden wir im Kommunismus. Dass das nicht besonders gut lief, hat die die DDR gezeigt. Staaten wie Nordkorea performen auch super.

Das Urheberrecht ist eine Geburt des Kapitalismus, denn im Grunde ist es ein Monopol auf Zeit: Zeit, mit der eigenen Idee Geld, Ruhm oder sonstwas anzustellen. Der Kapitalismus basiert darauf, dass Menschen versucht sind, möglichst viel zu besitzen – zumindest so viel, dass sie sich auf der Maslowschen Wohlstandspyramide Stück für Stück nach oben arbeiten. Deswegen ist das Urheberrecht ein zunächst egoistischer Zug – während die Piraten aus der individuellen Leistung eines Einzelnen eine Nutzung allgemeiner Ressourcen machen wollen.

Eine lebhafte Diskussion

Das Schöne an der ganze Geschichte, wie zuvor bereits erwähnt: Es gibt quasi kein Richtig und kein Falsch. Während bei Kriegseinsätzen in Deutschland quasi jeder dagegen, beim Atom-Ausstieg irgendwie jeder dafür ist, kann man sich am Urheberrecht richtig schön streiten. Es ist das ideale Thema für eine eine Generation, die mit dem Internet aufwuchs, jetzt erwachsen wird und seine Macht entdeckt.

Der zuvor zitierte Artikel Christopher Lauers ist wiederum eine Reaktion auf die letzten Entwicklungen durch Sven Regeners Monolog zur Sache, der die Diskussion erst so richtig ins Rollen brachte. Schritt zwei auf Seiten der Urheber war ein Offener Brief von 51 Tatort-Autoren („Liebe Grüne, liebe Piraten, liebe Linke, liebe Netzgemeinde!“ – da weiß man gleich, um wen’s hier geht, oder: Wer die Guten und die Schlechten sind.) In die gleiche Kerbe schlug eine Gruppe bekannter Urheber die Autor Daniel Kehlmann, Charlotte Roche oder Schauspieler Mario Adorf mit einem Appell in der „Zeit“ sowie online unter Mit Sorge und unter www.wir-sind-die-urheber.de: „Mit Unverständnis verfolgen wir als Autoren und Künstler die öffentlichen Angriffe gegen das Urheberrecht.“ Die Reaktion? www.wir-sind-die-buerger.de, und ihr Statement

Mit großer Sorge verfolgen wir Bürgerinnen und Bürger die Diskussion um das Urheberrecht und seine Durchsetzung im Internet. Wir wollen das Urheberrecht nicht abschaffen! Im Gegenteil: Wir möchten, dass das Urheberrecht zukunftsfähig bleibt, aber das bedeutet, dass es sich an gesellschaftliche Realitäten annähern muss.

Es gibt gefühlt keinen Blog, keine Zeitung mehr, die sich nicht mit dem Thema beschäftigt hätte. Lesenswert ist hier vor allem der Beitrag „Zankapfel Urheberrecht: Der ungelöste Grundwiderspruch der Piraten“ von Wolfgang Michel im Blog CARTA, der insbesondere die rechtlichen Aspekte der Diskussion ausleuchtet und auch die ersten Schritte der Piraten beschreibt, die bereits getätigt wurden, um das Thema Urheberrecht noch besser zu durchdringen.

Es tun sich Abgründe von ungeahntem Maß auf. Deutschland wird geteilt in Kunstschaffende und Kunstkonsumierende – mit offensichtlich vollkommen konträren Meinungen. Oder, wie Frank Schirrmacher es schön zusammenfasst:

Es geht darum zu verstehen, warum es im Jahre 2012 möglich ist, dass Kunst und Künstler nur deshalb zu einem Gegenstand der Empörung werden, weil sie für ihre Arbeit bezahlt werden müssen. … Die Beleidigungen gegen (sie), die man im Netz so lesen kann, sind atemberaubend. Tauscht man die Namen und Begriffe nur geringfügig aus, man glaubte, hier werde ein Adliger in der Französischen Revolution angeklagt. … Die Autoren sind sprachlos. Es wird von „Kriegserklärungen“ gesprochen.

Fazit

Die Piraten fordern etwas, von dem sie nicht wissen, wie es aussehen und finanziert werden soll und kann. Es entsteht eine Debatte, die in den letzten Tagen an atemberaubender Fahrt aufgenommen und nun mit einer Intensität geführt wird, die ihrer wirtschaftlichen Relevanz längst entflohen ist.

Diese Debatte ist nicht nur eine Frage des Rechts, sondern das Aufeinandertreffen verschiedener Ideologien. Es bleibt abzuwarten, wie Deutschland in Zukunft mit dieser Frage umgeht.

(Das verwendete Foto wurde unter CC-Lizenz auf Flickr bereitsgestellt von Ozymann)